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Zum ersten Mal nach langer Zeit bin ich im Sommer in Berlin, und es ist wunderbar. Am Sonntag spazierten wir am Landwehrkanal entlang, auf der Kreuzberger Seite. Da sprudelt das Leben! Hunderte von Radfahrern schlängeln sich durch Hunderte von Fussgängern; man sitzt am Ufer und geniesst, und die Boule-Spieler und Boule-Spielerinnen wetteifern auf einem grossen Platz entlang dem Ufer. Die 12 Felder sind alle besetzt.Die Leute sehen offen aus, modern, überwiegend fröhlich. Die Strassen sind etwas schmuddelig, verglichen mit Schweizer Gewohnheiten: Abfall liegt herum, der z.T. aus den überfüllten Abfall-Behältern quillt, und offensichtlich schmeckt vielen das Bier, auch den Boule-Spielern.Viele Familien mit Kindern sind unterwegs, und es gibt unendliche Variationen von Fahrrad-Konstruktionen, mit kleinen Wägen hinten und vorne.Einen Tag später lernen wir einen geheimen Garten kennen: Kid’s Garden in Neukölln. Wir sind mit Kindern unterwegs und erhalten Zutritt. Kid’s Garden ist ein Gelände zwischen hohen alten Wohnblöcken, dass offensichtlich niemandem gehört, und das von einem Verein für Kinder und Familien erschlossen wurde. Was heisst erschlossen: Es ist ein wenig wild, mit einem verwunschenen Teich und romantischen Wegen, vielleicht im Ganzen 300 m lang und 40 m breit; ein herrliches Grüngebiet, das in einer grossen Sandlandschaft endet. Dort treffen sich Mütter und Väter mit ihren Kindern, sitzen am Rand des Sandes und plaudern. Eine wunderbar lockere Atmosphäre!
In dieser Stadt regierte jahrzehntelang der konkrete Irrsinn, mit der Mauer mittendurch, mit den militärischen Bedrohungen, mit der Luftbrücke, mit der absoluten Feindseligkeit zwischen zwei Welten! In meiner Kindheit und Jugend wurde viel darüber gesprochen: Von den Strassen, die auf einer Seite zugemauert waren, von den missglückten Fluchtversuchen, die häufig mit dem Tod im Todesstreifen endeten.
In der linken, „fortschrittlichen“ Szene der damaligen Zeit versuchte man allerdings, dem Kommunismus auch etwas Gutes abzugewinnen. So durfte man sich als Freigeist nicht allzu kritisch über die DDR äussern, weil man in den Verdacht kam, ein Reaktionär zu sein.Ich konnte mir in den 80er-Jahren ein eigenes Bild machen, als ich mit meinen jugendlichen Schülern (im Alter von ca. 18 Jahren) eine Reise in die DDR unternahm. Beim eigenen Augenschein empfand ich die Zustände als ziemlich fürchterlich. Die Angst war überall zu spüren; DDR-Jugendliche planten ihre Flucht und baten unsere Schweizer Jugendlichen, ihnen den Pass zu geben.Eine Frau im Zug, die nach einem West-Besuch mit uns in den Osten reiste, hatte panische Angst vor der Zoll-Kontrolle. Sie hatte im  Westen einen Heiz-Radiator gekauft und befürchtete Verhaftung und Schlimmeres. Wir kamen auch in Kontakt mit ostdeutschen Jugendgruppen. Als wir in Ost-Berlin ankamen, trafen wir uns in einer Kirche in Prenzlau mit einer solchen Gruppe. Es war sehr herzhaft, bewegend, intensiv. Wir wussten, dass sie nicht alles sagen durften, dass der Pfarrer in Gefahr war. Trotzdem war es wunderbar, mit ihnen zusammen zu sein.
Knapp 30 Jahre später ist die Stadt und das Land verwandelt. Berlin hat einen unglaublichen Aufstieg erlebt. Aber was das Wichtigste in meinen Augen ist, das ist die Lebensfreude, die ich überall wahrnehme.Berlin ist eine Reise wert – und nicht nur das! Für mich wäre es – neben Freiburg – die Stadt in Deutschland, die mir am besten zum Leben gefiele. Zumindest im Sommer!

 

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2 Kommentare zu “Sprudelndes Berlin 2012

  1. Ja im Sommer ist Berlin eine der besten Plätze zum Leben! An den meisten Orten sind ehemals Ost und West nun auch sehr organisch zusammen gewachsen und das Umland bietet viel schöne Natur.
    Im Gegensatz zu den schweizer Städten hat man einfach das Gefühl von sehr viel Platz.
    Berlin, im Sommer, mit all dem Grün und all dem Wasser, all den Menschen, den vielen kulturellen Anlässen: ein Traum.
    Im Winter aber pfeift dir der eisige Wind um die Ohren und die Sonne scheint kaum und wenn sie dann scheint, gibt sie kaum Wärme ab: dann nichts wie ab nach Goa und Konsorte:-)

    Alles Liebe und eine gute Zeit

    Sunahla

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