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Eine Odyssee in Spanien mit glücklichem Ende

Die ganze Geschichte – für Liebhaber!

Es begann am letzten Samstag Abend. Ich schaute routinemässig nach meinen Sachen und entdeckte, dass meine Bauchtasche mit dem Pass nicht zu finden war. Seitdem hat ein wahres Feuerwerk an amüsanten und weniger amüsanten Erlebnissen und Aktionen stattgefunden. Ich schildere sie unter dem Aspekt der heiteren Erleuchtung und aller spirituellen Weisheiten, die mit der Meisterung des Alltags zu tun haben. Immerhin sitze ich jetzt im Zug von Altea nach Barcelona – eine Reise von über 500 km – und hege die freudige Erwartung, morgen früh in der dortigen deutschen Botschaft einen neuen Pass zu erhalten.

Manchmal war meine heitere Gelassenheit auch ein wenig geringer, z.B. gestern Abend. Aber im Ganzen hat diese Odyssee mit Fussangeln mich, und unsere Beziehung, gestärkt.
Ich schaue vom Zug aus auf das herrliche Meer hinaus und fühle: Hätte ich sonst eine solche Reise unternommen? Ist es nicht herrlich, auch einmal ein bis zwei Tage allein zu sein, durch Spanien zu reisen, Neues zu erleben?
Und noch herrlicher, darüber zu schreiben?
Indem ich dies fühle, ist der höhere Sinn des Pass-Verlustes bereits erfüllt. Und vielleicht gibt es noch mehr Erfüllungen und Erfühlungen?
Mein Freund Ross sagte mir beim Abschied in Altea: „Achte genau darauf, wem du begegnest und was passiert. Dies ist eine besondere Situation, ein Schlenker des Universums.“ Wollen wir mal sehen!

Erste Stufe – Einstieg in den Prozess

Ich entdeckte Samstag Abend, 20. 10.2012, das Nicht-Vorhandensein meiner Pass-Tasche. Ich hatte am Tag unserer Ankunft noch Münzen im Zimmer ausgetauscht. Ich holte die Euro-Münzen aus der Passtasche und ersetzte sie durch meine Schweizer Münzen. Die Euros verstaute ich in meinem Geldbeutel, aber da es zu viele waren, liess ich einen Haufen auf der Kommode in unserem kleinen Zimmer bei Antonio, unserem wunderbaren Freund und Gastgeber, liegen.
Am Samstag Abend war die Passtasche nicht zu finden. Am selben Abend fand ein wunderbares Flamenco-Konzert in Antinios Restaurant statt; unsere guten Freunde Andrea und Cristobal kamen. Wir spielten auf der Terrasse des Restaurants Canasta und hatten es lustig. Erst nach Mitternacht, in der Wohnung, erzählte ich Christina von dem Verdacht des Verlustes, und sie reagierte in ihrer einmaligen Weise: Dann bleiben wir eben in Spanien.
Oha! Olé!
Die Begrüssung durch unsere alten Freunde hier war so überwältigend gewesen, die Sonne und das Meer strahlten so herrlich. Altea ist unsere zweite Heimat – warum also nicht in Spanien bleiben?
Wir legten uns erst einmal schlafen. Christina suchte am nächsten Morgen vergeblich, und somit beginnt die

Zweite Stufe

An diesem Sonntag wollen wir mit Freunden zu einer Zen-Meditation in Sta. Barbara gehen. So haben wir wenig Zeit für weitere Suchereien oder Aktionen. Ich denke, dass die Meditation mich beruhigen wird. Schliesslich habe ich, vor ca. 20 Jahren, mehrere Jahre lang in dieser Art meditiert.
Und wirklich: Das Ganze ist angenehm und auch spielerisch, das Feld ist inspiriert. Ich kann zeitweise den vermissten Pass vergessen.
Wir gehen früher als vorgesehen nach Hause, denn am Abend soll unser Freundschafts-Fest stattfinden.

Dritte Stufe

Traditionellerweise gibt es immer eine Fiesta mit unseren Freunden, wenn wir hier sind. Vor allem bei einem kurzen Aufenthalt von 10 Tagen gibt es viele Freundschaftstreffen. Diesmal sollte das Fest bei Aurelia und Ross steigen. Die beiden sind sehr gute Freunde, die wir hier vor einigen Jahren kennengelernt haben. Sie wohnen die meiste Zeit des Jahres in Neuseeland, und dort haben wir sie vor zwei Jahren, auf unserer grossen Sieben-Monats-Reise, in ihrem Gartenhäuschen besucht. Auch das ist eine unvergessliche Geschichte…

Die Beiden sind über Thailand und Bali vor einigen Wochen in Altea eingetroffen und haben sich eine 3-Zimmer-Wohnung gemietet, für ca. 700 Fr.. Das gibt ihnen die Möglichkeit, auch Aurelias Mutter aus Madrid zu beherbergen,

In Spanien mietet man die Wohnungen meist möbliert, und man bekommt sie auch für kurze Zeit. Diese Wohnung liegt direkt am Meer über dem breiten Spazierweg mit wunderbarer Aussicht.

Am Sonntag um ca. 19 Uhr sollte das Fest beginnen. Christina hatte noch etwas in unserer Wohnung oben auf dem Hügel, in der Altstadt, vergessen. Als ich Ross von der Sache erzählte, rief er überzeugt und begeistert aus: Ich bin sehr gut im Finden von Sachen! Ich komme mit, und ich werde die Passtasche finden!
Die Beiden zogen also los, und in der Zwischenzeit erschienen unserer Freunde mit Platten von leckerem Salat und anderen Köstlichkeiten.

Ich hatte mir vorgenommen, die Geschichte mit dem Pass unseren Freunden zu erzählen, und ich entschloss mich, das Ganze in Form eines improvisierten Liedes zu bringen. Es gibt nur ein Lied, zu dem ich den Text improvisieren kann: Om Shanti. Wir haben es aus Indien mitgebracht; es bedeutet „Om…Frieden“.

In Goa, am romantischen Strand, hatte ein musikalischer Freund immer zu diesem Lied improvisiert, etwa mit dem Inhalt „Könnt ihr uns hören, ihr Leute in den gestressen Fabriken, könnt ihr uns sehen, die wir hier am Strand den Frieden zelebrieren und die Gemeinschaft?“
Mike hat das ganz toll gemacht, und ich habe das Lied einerseits als schönes Friedenslied übernommen, und andererseits benutze ich es für die Improvisation.

Ich überlegte: Ich werde anfangen zu singen, während Christina und Ross noch unterwegs sind. Vielleicht kommen sie während des Liedes und verkünden, dass die Tasche gefunden ist? Das wäre eine perfekte Inszenierung!

Die Inszenierung war wirklich perfekt, aber in anderem Sinne.
Ich erzählte in dem Lied von der verschwundenen Passtasche – und die Zuhörer stimmen im Refrain immer wieder ins „Om Shanti“ ein.
Und ich sang auch von Christina’s Idee, in Spanien zu bleiben. Diese Idee wurde mit grossem Hallo aufgenommen, und ich sang weiter und weiter – es war eine inspirierte Om-Shanti-Stimmung.
Tatsächlich tauchten plötzlich Christina und Ross im Zimmer auf – und als sie signalisierten, dass der Pass nicht gefunden war, erscholl ein grosser Jubel aus den Kehlen unserer Freunde: Dann bleibt doch hier!
Das berührte mich. Unsere Freundschaften hier sind stark, und wir beide haben mitgeholfen, den Freundeskreis vor ca. sechs Jahren aufzubauen. Wir nannten uns – und nennen uns noch heute – GAIA – Grupo de Amigos Inspirados en Altea. Gruppe der inspirierten Freunde in Altea..

Meine Fahrt ist einfach wunderbar: Wir treffen gerade in El Campello ein, fahren am herrlichen Sandstrand entlang; die Leute liegen da mit Sonnenschirmen Ende Oktober, manche schwimmen im Meer, und der Strand will nicht enden. Ich fahre mit dem Bummelzug von Altea nach Alicante, um dort den Intercity nach Barcelona zu nehmen.

Zurück zum Fest: Pass nicht gefunden – lasst uns nun feiern! Es wird wiederum eines dieser wunderbaren Freundes-Feste mit Singen und Tanzen und Essen und Plaudern und Sich-Begegnen.

Vierte Stufe

Wir kommen nun allmählich zum Höhepunkt der Ereignisse. Dieser Montag, 22.10.2012, fordert mich wirklich, und ich wundere mich im Nachhinein, dass alles so gut geklappt hat.

Es geht nun darum, die Sache zu melden, einen Pass-Ersatz zu finden, mit Behörden zu verhandeln.
Mein erster Anruf geht an die Mobiliar-Versicherung in der Schweiz. Wir haben dort vor einem Jahr eine Reiseversicherung abgeschlossen. Es ging hauptsächlich um unser buntes Wohnmobil „Halleluja“, mit dem wir nach Spanien reisen wollten. Es ist über 20 Jahre alt, und wir wollten sicher sein, dass wir es im Notfall auch wieder zurück in die Schweiz bringen könnten. In der Schweiz wollte ich dann die Versicherung wieder kündigen, aber das war nicht vor Ablauf eines Jahres möglich. Ich erinnerte mich, dass es in dieser Versicherung eine Klausel gibt, dass aufgrund von höherer Gewalt, Krankheit usw., ein Flug verschoben werden kann und die Kosten übernommen werden.
Es gibt bei der Mobiliar ein Nottelefon Mobi24, dessen Nr. ich glücklicherweise hatte. Aber ich habe nicht die Unterlagen der Reiseversicherung. Diese befinden sich auf meinem Computer, den ich für diese Reise nicht mitgenommen habe, weil ich nun das iPad als Computer-Ersatz benutze.
Die freundliche Dame, Frau Läderach, beriet mich gut. Sie suchte die Unterlagen hervor, ich schilderte den Fall. Sie betonte, dass es wichtig sei, den Fall bei der Polizei als Diebstahl darzustellen, obwohl ich ja in dieser Frage nicht sicher war.

Ich werde später den Polizei-Rapport als Attachment an die Versicherung schicken. Aber schon jetzt wird mir zugesichert, dass die Mobiliar wahrscheinlich die Kosten für die Wiederbeschaffung des Passes oder gar die Kosten für eine Umbuchung beider Flüge übernehmen werde.
Später forsche ich auf dem Internet und finde deutsche Botschaften in Spanien und in der Schweiz. Ich versuche, in der Schweiz anzurufen, aber die Warteschlange ist endlos; eine schreckliche Musik ertönt. Ich rufe mit „Skype Out“ an. Ich benutze das Internet zum Anrufen, da ich ja sonst von meinem Schweizer Handy aus die Warteschlange geniessen müsste. Die Passstelle ist dauernd blockiert, also versuche ich es mit dem Haupt-Telefon. Ein netter Herr hat am Schluss die glänzende Idee, mich mit der Passstelle zu verbinden, worauf wiederum die schreckliche Musik ertönt und der Anruf schliesslich abbricht.
Bei der Passstelle der deutschen Botschaft in Barcelona ist es ähnlich. Ich benutze gleichzeitig Christina’s Telefon mit spanischer Nummer, so dass zeitweise zwei Warteschlangen gleichzeitig ihre Musik verströmen und mir schon ganz schummerig im Kopf wird. Skype funktioniert auch nicht richtig, und Christina gibt mir den Tipp, dass doch auf Antonio’s Schreibtisch ein Festanschluss installiert ist. Ich entschliesse mich, dieses Telefon zu benutzen.

Mein Gott, wie war man früher knauserig mit Telefon-Anrufen! Wenn man von einem Freund aus für 0,40 EUR telefonierte, so legte man fein säuberlich diese Münzen auf den Tisch. Heute sind wir grosszügiger, und ich werde Antonio diese Auslagen auf andere Weise erstatten. Natürlich ist er einverstanden, dass ich das Telefon nutze, als er wenig später kommt.

Schliesslich habe ich die Passstelle Barcelona an der Leine. Ich habe einen grossen Zettel und schreibe mir alles auf. Wichtig sind die Mail-Adressen, die Namen der Gesprächspartner, die Webseiten.

Ich erkläre einer Frau Loose das Szenario: Am kommenden Freitag, also in vier Tagen, haben wir am Morgen einen Flug nach Basel gebucht. Wir kommen vormittags ca. 10 Uhr an, übernachten in Basel und fliegen am nächsten Morgen um ca. 10 Uhr nach Quito, Ecuador.
Wenn ich den Pass nicht bis Donnerstag habe, dann können wir das alles vergessen.
Sie erklärt mir, dass ich vielleicht einen Nottermin haben kann, und dass ich möglicherweise zwei Tage in Barcelona verbringen sollte, weil sie vielleicht noch Rücksprache mit der Botschaft in Bern halten müssen.
Ich brauche nur wenige Unterlagen: Die Meldebescheinigung der Schweiz, meine Geburtsurkunde aus meiner Heimatstadt Ingolstadt in Deutschland, und unsere Heiratsurkunde.
Kein Problem!
Christina wird etwas nervös, als zu gleicher Zeit unsere Gastgeber Antonia und Marietta aus ihren Betten in die Wohnung kommen. Sie fühlt sich etwas überfordert vom Prozess, hat plötzlich Lust, in Spanien zu bleiben, hat etwas Angst vor Südamerika.
Wir wollten eigentlich gemeinsam zur Polizei gehen, um den Verlust zu melden. Aber es ist gerade 11.30 Uhr. In der Schweiz schliessen die Büros um 12 oder früher, und ich will jede halbe Stunde nutzen. Die Polizei hat sicher noch um 13 oder gar 14 Uhr auf, denn wir sind in Spanien mit der späten Mittagszeit.

Christina entschliesst sich also, das Feld zu verlassen und sich selbst zu entlasten. Sie wird zum wunderschönen Kirchplatz von Altea hoch gehen, das sind fünf Minuten. Dieser Platz ist unser Nostalgie-Platz, denn im Café „Cafecito“ dort oben hat uns damals, im Jahr 2005, der Virus erwischt, der uns schliesslich, ein halbes Jahr später, nach Spanien brachte, wo wir dann vier Jahre in Altea wohnten.
Sie wird im genau gleichen Café – inzwischen heisst es Wopi – sitzen, und ich werde sie dort oben besuchen.

Jetzt also nichts wie ans Telefon!
Es ist inzwischen 11.45 Uhr. Ich sehe auf der Webseite unseres Wohnortes Erlach, dass das Büro am Montag und am Freitag (!) von 9 bis 11 Uhr geöffnet ist. Das kann ja heiter werden! Wenn ich jetzt niemand erwische, dann ist der Zug abgefahren!
Das Telefon wird von einem freundlichen Herrn abgenommen. Ich erkläre ihm die Situation, und er verspricht, meine Meldebestätigung sofort per Mail und Attachment an die deutsche Botschaft in Barcelona zu schicken.
Für die Heiratsurkunde gibt er mir die Telefon-Nr. des Zivilstandsamtes Seeland.
Zunächst aber rufe ich in Ingolstadt in Deutschland an und höre vom anderen Ende vertraute bayerische und gemütliche Klänge. Die junge Dame erklärt mir, dass das Senden meiner Geburtsurkunde 10 EUR kostet. Aber sie ist so nett, die Unterlagen nach Barcelona zu mailen und sagt zu meinem Amüsement, ich könne die 10 EUR in Ingolstadt vorbeibringen. Ich lasse mir dann die Bankdaten mit allen Schikanen durchgeben, so dass ich per E-Banking bezahlen kann.

Wahrhaftig: Wäre ich nicht technisch – und sprachlich – auf dem Laufenden, dann hätte ich diesen Parcours wahrscheinlich nicht bestanden: Internet, Skype, Kreditkarte, E-Banking, iPad, externe Tastatur, Bildschirmphotos, Google Maps, volle Batterien, Spanisch fliessend, undsoweiter…

Die Bildschirmphotos benutze ich, wenn ich auf einer Google Map einen Ort gefunden habe. Ich fotografiere den Bildschirm und finde dann das Bild bei meinen Fotos, auch wenn ich Offline bin.

Jedenfalls habe ich schon zwei der drei Hürden bestanden, und es ist fünf vor Zwölf.

Beim Zivilstandsamt kommt die Meldung, dass das Büro bis 11.30 und dann wieder ab 13.30 geöffnet ist. Also nun erst mal entspannen und mit Christina Kaffe trinken, bevor ich in die Stadt hinuntersteige zur Polizei.

Christina ist immer noch ein wenig aufgelöst. Wir beschäftigen uns mit Fragen der Synchronizität. Deepak Chopra und andere haben wunderbare Bücher darüber geschrieben. Die Dinge, die uns zustossen, haben einen tieferen oder höheren Sinn. Es gibt keinen Zufall. Wenn also der Pass weg ist, dann könnte das bedeuten, dass es vom Universum nicht gewollt ist, dass wir nach Südamerika reisen. Vielleicht lauert dort eine Gefahr, der wir durch den Verlust des Passes entgehen.
Ich berichte Christina von den Telefonaten und von der Bereitschaft der Versicherung, Kosten zu übernehmen.
Ich glaube auch an Synchronizität und beachte sie. Wenn die Hindernisse für einen Prozess zu gross werden, dann verlangsame ich das Tempo, achte auf die Signale, warte auf Lösungen, die sich von selbst ergeben. Ich bewege mich in Leichtigkeit durchs leben, und lasse ich einen Plan relativ schnell fallen, wenn die Hinderniss zu gross werden. Das ist mein Lebens-Luxus.

Aber dieses Signal ist mir nicht stark genug. Ich erkläre Christina, dass ich einen Herzinfarkt haben könnte, oder dass in Ecuador ein Bürgerkrieg ausgebrochen sein könnte. Das wären in meinen Augen starke Signale. Aber die Sache mit dem Pass können wir mit Glück und Geschick in Ordnung bringen. Ich bleibe also dran. Christina will auf unserer geliebten „Plaza“ die Sonne geniessen, während ich die 560 Stufen zur Polizei hinuntertänzle.

Es geht schon gut los mit dem sympathischen Beamten: Er fragt mich, wo ich in Altea wohne, und ich weiss die Strassenadresse nicht. Ich sage ihm den Namen des Restaurants und bitte ihn, im Internet nachzuschauen. Er sagt trocken: Wir sind ein Betrieb des Staates, wir haben kein Internet. Ich staune.
Die Technik kommt mir wieder zu Hilfe: Auf meinem iPhone habe ich die Adresse eingespeichert.
„Nicht wahr, in der Schweiz hat die Polizei bessere Büros?“ fragt der Mann. Ich antworte freundlich-diplomatisch.
Die zweite Klippe: „Bitte weisen Sie sich aus! Haben Sie einen Pass?“ – Ich lache. Der Pass ist ja weg!
„Oder einen Personalausweis?“
Habe ich nicht, gibt es nicht.
„Das muss es doch geben!“
Gottlob habe ich meinen uralten Schweizer Führerschein dabei, den er akzeptiert.
Ich schildere den Fall.
Vom anderen Tisch – es geht dort um ein gestohlenes Auto – ertönt plötzlich das Wort „Pannacotta“. Mein Beamter ruft hinüber: „Pannacotta, ist das nicht was zum Essen?“ – Wir lachen.
Während er schreibt, spiele ich mein Lieblingsspiel „Solitaire“ auf dem iPad. Das macht mir Spass, hält mich bei Laune, und ist, so hoffe ich, auch entspannend für den Beamten, weil er sich nicht mit mir beschäftigen muss.
Schliesslich druckt er mir den spanischen Text aus, und ich lese ihn durch. Zu meinem Schrecken ist der Sachverhalt des Diebstahls nicht deutlich. Er schreibt von Verlust usw., aber nicht von Diebstahl.

Ich muss ihn also bitten, das Ganze noch mal zu überarbeiten. Ich bin nicht ganz zufrieden mit mir, weil ich es nicht klar formuliert habe.
Zum Verständnis schildere ich hier noch mal den Hergang:
Obwohl ich also die Passtasche nicht mehr fand und sie im Zimmer gehabt hatte, schlossen wir in diesen Tagen nicht aus, dass sie einfach verloren gegangen war. Ich traute mir nicht 100-prozentig, dass ich sie im Zimmer gehabt hatte. Vielleicht hatte ich sie im Auto unserer Freunde René und Gladys liegen gelassen, die uns aus Benidorm, nach dem Flug aus der Schweiz, abgeholt hatten? Vielleicht hatte ich sie am zweiten Tag beim Zahnarzt gelassen?

Wir konnten uns einfach Diebstahl nicht vorstellen. Es gibt zwar eine Tür von Antonios Restaurant in die Wohnung. Aber wer sollte durch diese Tür in unser Zimmer gelangen? Das ist nicht so einfach. Die Belegschaft geniesst das volle Vertrauen von Antonio. Er lässt sie die Abrechnungen selbständig machen, das Bargeld verwalten – sensationell!
In der Wohnung gehen nur Antonios Freundin und seine 12-jährige Tochter Thea ein- und aus.
Christina und ich schlossen einen Diebstahl aus – und nun sollte ich der Polizei gegenüber von Diebstahl, und nur von Diebstahl sprechen. Wir wollten auch nicht, dass solche Vermutungen an Antonio gelangen, der hier zu unseren allerliebsten Freunden zählt und über jeden Verdacht erhaben ist. Sein Restaurant läuft dermassen gut, dass er sicher genug Geld hat und mit den 30 EUR in der Tasche sicher nichts anfangen kann und will.
Aus all diesen Gründen hatte ich sowohl der Versicherung als auch der Polizei gegenüber nicht so klar von Diebstahl gesprochen.

Dazu kommt meine noble Angewohnheit- und hier sprechen wir vielleicht wieder von Spiritualität im Alltag – dass ich sowohl in meiner Sprache als auch in meinen Gedanken die Dinge meist milder sehe als andere Leute.
So hat es in meinem Leben in den letzen 12 Jahren nie eine „Katastrophe“, sondern höchstens ein Missgeschick gegeben. Höchstens beim Kartenspielen, bei unserem Lieblingsspiel Canasta, da sprechen wir hier in Spanien von einem „Desastre casí total“ – von einer fast vollständigen Katastrophe. Das ist aber war anderes, hihihi. Schimpfworte kenne ich praktisch nicht.

Ich musste also diese meine noble und unklare Ausdrucksweise büssen, denn der Beamte kam bei der Verbesserung des Dokuments in ernsthafte Schwierigkeiten. Ich spielte unentwegs Solitaire und zeigte meine kleine Ungeduld nicht. Ich lächelte dabei, denn das Lächeln bringt mich immer wieder in gute Stimmung, hält mich bei Laune.
Der Mann holte weitere Beamte hinzu, die hinter seinem Bildschirm standen und ihm zu helfen versuchten. Das ging sicher eine weitere halbe Stunde so. Ich fing schon an zu bezweifeln, ob er es überhaupt schaffen würde, und sein Gesichtsausdruck war nicht mehr ganz so offen und humorvoll wie am Anfang.
Schliesslich war es überstanden. Der Text war in Ordnung, wurde unterzeichnet. Ich fragte mich nur, was die Schweizer ohne Spanisch-Kenntnisse mit dem Dokument anfangen würden, denn es war in schöner geschraubter Amts-Sprache verfasst.

Christina erwartet mich in der Sonne auf dem Kirchplatz und erklärt mir strahlend, dass sie ihre Zweifel überwunden hat. Wir gehen in die Wohnung. Es ist inzwischen 14 Uhr – Zeit für den Anruf beim Zivilstandsamt. Dort erwartet mich das nächste Hinderniss, olé! Frau B. erklärt mir, dass sie die Heiratsurkunde weder per Mail-Attachment noch per Fax schicken darf. Das Dokument darf nur per Post als Papier geschickt werden.
Vielleicht ist das doch eine Katastrophe?
Ich erkläre der Dame die Sachlage. Es ist einfach zu spät, die Urkunde nach Barcelona zu schicken.
Frau B. schlägt vor, heute noch die Urkunde an einen Freund in der Schweiz zu senden. Dieser Freund könne dann morgen das Ganze einscannen und an die Botschaft senden. So ein Spass! Absurdien lässt grüssen!
Frau B. lässt sich nicht erweichen, denn so ist die Vorschrift.
Wartet nur, es kommt noch dicker!

Aber ich sitze jetzt im Zug; inzwischen liegt Valencia hinter mir, die Sonne steht um 17 Uhr schon etwas tiefer, und alles ist gut so wie es ist.

Ich lasse mir die Mail-Adresse geben und berate dann mit Christina. Es muss jemand sein, der einen Scanner hat, der morgen früh wach, und der verlässlich ist.
Wir kommen auf Ruedi, Christina’s Bruder. Er hat ein Treuhand-Büro in Nidau, kennt sich technisch aus und ist zuverlässig.
Auch seine Telefon-Nr. finden wir in meiner extrem gut geführten, hihi, Datenbank auf dem iPhone. Ruedi ist sofort bereit, uns diese Hilfe zukommen zu lassen.
Nun ist erst mal Zeit für ein kleines Mittagessen und eine kleine Siesta, die wir uns nur in den seltensten Fällen entgehen lassen – Katastrophen hin oder her!

Um ca. 16 Uhr bin ich wieder am Computer. Frau Loose von der Botschaft in Barcelona hat mir inzwischen gemailt, dass bereits die Unterlagen von Erlach und Ingolstadt gekommen seien. Ich teile ihr mit, dass wir einen Freund gefunden haben, der morgen früh die Heiratsurkunde per Attachment schicken wird.

Christina will den Rest des Nachmittags am Strand verbringen, sich in die Sonne legen, und das ist sicher gut für sie. Vielleicht besuche ich sie noch dort, wenn es meine Zeit erlaubt. Es ist besser wenn sie unterwegs ist und nicht all die Hindernisse miterlebt, die ich ja mit Humor zu lösen im Sinne habe. Sie wird einkaufen gehen, damit wir genügend Proviant für alle Fälle haben.

Ich versuche nun, auf dem Internet Bus- und Zugverbindungen nach Barcelona zu finden. Das ist kompliziert, geographisch gesehen, denn meist muss man zuerst nach Süden fahren, nach Alicante. Und von Alicante aus geht es dann wieder nach Norden Richtung Barcelona, aber nicht durch die gleichen Orte.
Nach kurzer Zeit realisiere ich, dass ich es auf dem Internet nicht schaffe. Die spanischen Seiten sind dermassen unübersichtlich, die Suchmasken funktionieren nicht richtig. Nach ca. 15 Minuten gebe ich auf und beschliesse, ein Reisebüro aufzusuchen.
Unten im Städtchen finde ich auch sogleich eines, gleich neben der Stadtbibliothek. Die freundliche Dame sucht mit grosser Geduld Verbindungen mit Bus und Zug, und so weiss ich, dass ich ca. 9 Stunden brauche von Altea nach Barcelona. Ich kann also vergessen, am Mittwoch für einen Termin in der Botschaft anzureisen. Ich muss am Dienstag – also morgen – losfahren, dann übernachten, und kann am Mittwoch morgen in der Botschaft sein. Evtl. eine weitere Nacht in Barcelona, wenn irgendwas nicht klappt. Das Ganze muss mit der deutschen Botschaft in Bern noch abgestimmt werden, und das kann Zeit kosten. Hihihihi! So ein Spass!
Ich habe mir alles möglichst genau abgeschrieben und denke mir: Vielleicht ist inzwischen ein neues Mail gekommen? Soll ich dafür die 560 Stufen zum Restaurant wieder hinaufsteigen?
Aber ich bin schlau, das darf hier auch einmal gesagt werden. Ich erinnere mich, dass es in der Stadtbibliothek freien Wlan-Zugang gibt.
Flugs gehe ich hinüber, bin auch gleich im Lesesaal online, und was lese ich im Mail aus Barcelona?
Hier der Original-Text:

Sehr geehrter Herr Dr. Schutzbach,

leider genügt es nicht, wenn die Urkunde von einem Freund von dessen Privatmail geschickt wird. Dann schlage ich vor, dass Ihr Freund die Urkunde persönlich bei der Deutschen Botschaft in Bern vorlegt und darum bittet, dass die dortige Botschaft uns die Urkunde per Mail zukommen lässt. Für den Fall, dass dies zeitlich oder wegen weiter Anreise nicht möglich sein wird, könnte er alternativ dazu bei einer Schweizer Stadtverwaltung vorsprechen, den Sachverhalt schlildern und darum bitten, dass die Stadtverwaltung ein kleines Anschreiben vorbereitet und darin bestätigt, dass die beigefügte Urkunde dort als Original vorgelegen hat.

Noch ein Spass mehr! Mein Schwager Ruedi soll also morgen zur Stadtverwaltung Nidau gehen.
Der einen Schweizer Behörde ist es untersagt, ein Dokument per Attachment zu schicken, damit eine andere Schweizer Behörde mit genügend Autorität dann das selbe tut, und damit, wenn das nicht klappt, und unter Umständen eine inspirierte Reise nach Südamerika nicht stattfinden kann!

Die grossen Leute sind entschieden sehr verwunderlich, würde da der kleine Prinz sagen!

Ich sende sofort ein Mail an Ruedi und bitte ihn, noch heute zu antworten, damit ich sicher bin, dass alles am nächsten Morgen funktioniert.

Es ist inzwischen 17.30 Uhr auf meiner Zugreise. Trockene Berge in der Ferne, Olivenhaine in der Nähe. Es gibt so viel Platz hier, eine grossartige Weite der Landschaft. Kaum bevölkerte Landstriche überall. Wunderschön!

Zurück nach Altea: Ich wollte eigentlich meinen Freund Ross treffen, um mit ihm zusammen die Sache im Reisebüro zu schaukeln. Ich habe ihm ein SMS geschickt.

Nun mache ich mich auf den Weg zum Strand, um vielleicht Christina dort noch zu sehen. Wer steht dort? Ross mit seiner Schwiegermutter und dem kleinen Hund!

Er hat Christina vor 15 Minuten gesehen, sie wollte gerade nach Hause. Ich habe den Schlüssel fürs Haus, also sollte ich auch nach Hause gehen. Ich sende noch ein SMS an Christina. Ross und ich gehen ein paar Meter zusammen den Boulevard entlang – die Schwiegermutter hat auf der Brüstung Platz genommen. Wer kommt uns entgegen? Christina!
Das ist doch auch Synchronizität, nicht wahr?

Als wir beide langsam durch die Stadt bummeln, berichtet mir Christina von einem Anruf der Versicherung. Herr W. habe gesagt, sie könnten die Kosten nicht übernehmen, weil es sich offensichtlich doch nicht um einen Diebstahl gehandelt habe. Das hätten sie unserem Telefon-Gespräch entnommen. Ein weiterer Spass! Wir trennen uns nun, denn Christina wird noch einkaufen.

Zuhause sehe ich ein Mail aus Barcelona. Frau Loose ist sehr kooperativ und hat mir einen Termin am Mittwoch Morgen, 08.30 reserviert. Kontakt mit der deutschen Botschaft in Bern ist bereits hergestellt. Nur noch die Sache mit der Heiratskurkunde muss jetzt klappen.

Nun widme ich mich den Fragen der Unterkunft. Da gibt es heutzutage tolle Möglichkeiten: Couchsurfing und Airbnb.
Couchsurfing haben wir schon auf unserer grossen Reise nach Neuseeland/Australien usw. probiert. Es ist ein Netzwerk, das auf gegenseitiger Gastfreundschaft beruht, mit Millionen von Nutzern.
AirBnB ist ein neues Netzwerk. Dort werden Zimmer angeboten, BnBs (Bed and Breaktfast). Es sind oft Privatleute, aber auch Pensionen und Hotels. Ich habe eine spezielle App für mein iPad, dort finde ich sehr schnell passende Adressen – vor allem kombiniert mit einem Stadtplan, so dass man sofort sieht, in welchem Viertel sich das Zimmer befindet.
Den Stadtplan mit der Lage der Botschaft habe ich mit Bildschirmphoto schon festgehalten; sie liegt an der grossen „Avenida Diagonal“.
Aber als ich bei Airbnb suchen will, gibt es eine Fehlermeldung: Leider ist unsere Webseite ausgefallen, Sie können uns im Notfall anrufen (USA, hahahaha!).
Dies ist der Punkt, an dem ich auch etwas ins Trudeln komme. Seit morgens früh bin ich am Organisieren; manches klappt, manches klappt nicht. Ich bin etwas erschöpft. Jetzt finde ich also keine Unterkunft, und ich möchte einen schönen Abend mit Christina verbringen und endlich loslassen.
Bleibe tapfer, edler Ritter! Yes you can!
Also versuche ich es mit Couchsurfing, denn Christina ist noch unterwegs. In Barcelona gibt es 9000 + Couchsurfer. Ich suche welche über 35, mit guten Referenzen, und mache spontan einige Anfragen mit der Bitte, noch am selben Abend zu antworten.

Christina kommt und hat feine Sachen gekauft: Fisch und Rotwein für ein schönes Candle-Light-Dinner auf der Terrasse.
Wir kochen zusammen; auf der Terrasse mit Blick aufs Meer ist es wunderschön, und wir spielen noch ein Backgammon und danach ein Solitaire auf dem iPad.
Zwischendurch checke ich meine Mails. Ruedi hat um 21.50 noch nicht geantwortet. Christina sagt: Sofort anrufen, und das tun wir. Er hat mein Mail nicht gekriegt – für einmal hat die berühmte Datenbank nicht funktioniert. Ich erkläre ihm alles, und er ist einverstanden, morgen früh mit dem Dokument zur Stadtverwaltung zu gehen. Es sind auch Mails von Couchsurfern angekommen – leider alles Absagen. Da wir noch nicht wissen, ob die Versicherung zahlt, will ich kein teures Hotel buchen. Aber vielleicht kann mir morgen die Dame in dem Reisebüro helfen, eine Übernachtung zu finden. So wie es jetzt aussieht, werde ich morgen, Dienstag, um ca. 12 Uhr losfahren.

Bald haben wir es überstanden, wenn da nicht noch ein kleines Hindernis kommt!

Fünfte Stufe

Wir schlafen also fröhlich vor uns hin. In der Nacht, ca. 3 Uhr, muss ich auf die Toilette. Danach denke ich mir: Ich könnte ja nochmal Airbnb versuchen. Es funktioniert!
Ich suche einen Ort in der Nähe der Botschaft und finde Marias Platz. Dort kann ich für 23 EUR schlafen.
Ich sende eine Anfrage. Ich kann sie aber nur schicken, wenn ich sofort mit Kreditkarte bezahle. Sollte schon alles besetzt sein, wird mir das Geld nicht abgezogen.
Ich schlafe noch halb über meinem iPad und frage mich: Soll ich bezahlen oder nicht? 23 EUR ist nicht viel…so kann ich Airbnb mal ausprobieren, denn wir wollen es auch in Südamerika einsetzen…aber vielleicht ist das Geld weg?
Ich entschliesse mich, zu zahlen, und es kommt eine Meldung: Keine Sorge, Ihr Gastgeber wird sich spätestens innerhalb von 24 Stunden melden. Haahahaha! Das ist zu spät!
Ist ja alles Wurst – ich gehe zu Bett und schlafe friedlich.
Um 8 stehe ich auf, checke meine Mails, und was sehe ich da? Maria hat bereits geantwortet! Sie heisst mich herzlich willkommen und teilt mir mit, dass sie am Abend mit Freunden zusammen zuhause essen wird. Ich antworte, dass mich das freut, und die Sache ist geritzt.
Da ist noch ein anderes Mail, von Ruedi. Es ist dasselbe Mail, das sie von der Stadtverwaltung aus nach Barcelona geschickt haben. Es hat zwei Attachments, die ich öffne. Aber was sehe ich da?
Es ist zweimal das selbe Attachment, und enthält die Heiratsurkunde meiner Eltern, aber kein Wort über meine Ehe mit Christina. Hatten sie die falsche Urkunde? Fehlt etwas?
Muss jetzt Ruedi erneut zur Stadt eilen?
Ich entdecke die Telefon-Nr. der Stadtverwaltung in dem Mail und rufe sofort an. Frau M. schaut nach und sieht, dass sie einen Fehler gemacht hat. Gottlob ist das Dokument noch bei ihr! Sie verspricht, das Ganze noch einmal einzuscannen und nach Barcelona zu schicken.
Wenige Augenblicke später ruft Ruedi an. Ich bedanke mich sehr für seine Hilfe und erwähne lieber nicht den Fehler der Stadtverwaltung. Das würde ihn nur beunruhigen.
Christina attestiert mir nach diesem Gespräch eine „noble Gesinnung“, weil ich das Problem nicht erwähnt habe.
Nach dem Frühstück kommt ein Telefon von der Versicherung. Herr W. erklärt mir, dass zwar die Reiseversicherung nichts zahlt, dafür aber die Hausratversicherung, die wir aus einem unerklärlichen Grund (Synchronizität!) noch haben. Allerdings haben wir einen Selbstbehalt von 200 Fr.
Sicher wird die Reise nach Barcelona 200 Fr. übersteigen, und so kann ich ohne Sorgen auch mal ein Taxi nehmen und es mir gut gehen lassen.
Nun gilt es nur noch, die Reise im Reisebüro zu buchen und die Passfotos zu machen, die ich beinahe vergessen hätte. Ross, der Ober-Finder, ist inzwischen bei uns eingetroffen. Tatsächlich fängt er noch einmal an zu suchen. Er kann einfach nicht glauben, dass die Pass-Tasche weg ist, und er hat Recht. Allerdings findet er sie auch diesmal nicht.
Wir haben nämlich inzwischen die These aufgestellt, dass die Katze sie gestohlen hat und an einem geheimen Ort aufbewahrt. Die kühnste These lautet, dass sie sie auf unseren kleinen Balkon gezerrt hat, dass die Tasche von dort heruntergefallen und direkt in den Abfall-Container gestürzt ist.
Ross kommt mit mir. Im Reisebüro geht alles gut, und der Fotograf macht die Passfotos. Die Zeit geht genau auf. Ich kann gerade noch den Hügel hochsteigen, meine Sachen packen und mich verabschieden.
Die absolute Pointe wäre natürlich nun, wenn die Tasche inzwischen gefunden würde. Wäre das wirklich ne Pointe? Es ist eine Pointe, auch wenn sie nicht stattfindet!

Wir sind gerade in Tarragona eingetroffen, 18:12 Uhr. Aussentemperatur 22 Grad. Noch eine Stunde nach Barcelona. Ich bin ein wenig müde, aber ich gehe davon aus, dass alles klappt. Yes we can!

Sechste Stufe

Ich geniesse am Mittwoch morgen meinen Café con Leche nahe bei der Botschaft in Barcelona. Der Antrag ist gestellt; ich bekomme meinen neuen Pass noch heute.
Gestern Abend verbrachte ich einen herrlichen Abend bei meiner Airbnb-Gastgeberin Maria. Es war ein Globetrotter-Abend, denn ihre Freunde sind weitgereiste Zeitgenossen.
Ich hatte am Bahnhof von Barcelona schon zu Abend gegessen. Aber, wie in Spanien üblich, begann das Essen mit den Freunden erst um 22 Uhr. Sie baten mich auch an den Tisch, und wir hatten es lustig.
Es waren drei ArgentinierInnen und eine Engländerin. Martin war gerade von einer sechsmonatigen Reise durch Asien und Afrika zurückgekommen.

Was mir – ausser den schönen Erzählungen und Berichten – vor allem bleibt: Die Argentinier raten dir, dass du in Südamerika sehr gut auf deine Sachen aufpassen musst.
Martin sagte: „Ich habe das Zeug, das Geld, den Pass, immer direkt am Körper. Wenn sie was wollen, müssen sie mich schon erschiessen.“ Und er lacht.
Vielleicht ist das die Hauptbotschaft der Pass-Geschichte, die Synchronizität: Pass auf deine Sachen auf, Achtung vor Dieben in Südamerika!
Ich überlege mir schon, wie ich meine Sachen besser organisiere. Eine neue Bauchtasche oder etwas Ähnliches brauche ich sowieso.

Das widerspricht natürlich, wie du, lieber Leser, liebe Leserin, dir vorstellen kannst, der grosszügigen Lebensweise eines Narrosophen. In Bali liessen wir unser Zimmer unversperrt, wenn wir unterwegs waren, und in Goa hatten wir sicher keine Sorgen wegen Dieben.
Aber man ist ja flexibel, und in diesem Fall beachte ich die Synchronizität. Das Universum hat einige Umwege gemacht – das macht es wohl immer – um mir zu zeigen, dass in diesem Fall Vorsicht wirklich angebracht ist. Ich werde es mir zu Herzen nehmen!

Natürlich habe ich während des ganzen Prozesses auch viel gelacht. Alleine auf den Treppen der Altstadt, zusammen mit Christina, über mich selbst, über die Situation. Das gehört zu meiner Grundausstattung, die mich immer wieder in die Leichtigkeit und in den eigentlichen Sinn bringt, welcher da ist: Ich lebe, also juble ich. Das hat sich bei mir, beson eine Fundament der inneren Sicherheit und ständigen Inspiration gebildet, das nicht so leicht erschüttert werden kann.

Epilog

Die Dame am Schalter der Botschaft hat mir gesagt, dass ich um 14 Uhr wieder kommen könne, um den Pass abzuholen. Ich zögere, für sie erkenntlich, und sage: „Wissen Sie, ich muss heute noch nach Alicante zurück.“
Ich denke bei mir: Wenn der Pass um 14 Uhr fertig ist, dann ist er auch vor der Mittagspause um 12 Uhr fertig.
Sie sagt: „Dann kommen Sie halt vor 12 Uhr. Wenn Sie Glück haben, ist er bereit. So um 11.30 zum Beispiel.“ (Das könnte man auch Gedanken-Lesen nennen :-))
Ich bedanke mich und bestelle noch schöne Grüsse an Frau Loose, weil sie sich so eingesetzt hat. „Ja“, sagt die Beamtin; „da haben Sie Recht. Frau Loose hat gute Arbeit geleistet.“

Um 12 Uhr gibt es einen Zug nach Alicante; dann erst wieder um 15 Uhr. Daher erscheine ich nach meinem Morgen-Kaffee lieber noch früher: Um 11.08.

Am Empfang streckt mir die Dame bereits den Pass entgegen mit der hoch philosophischen Bemerkung: Jetzt sind Sie wieder wer. Oha!
Ich juble und mache gleich im Wartezimmer der Botschaft ein Foto von mir mit dem neuen provisorischen Pass, der schön bunt daherkommt und ein Jahr gültig ist.
Auf der grossen Kreuzung schnappe ich mir ein Taxi zum Bahnhof. Ich nehme den Pass und will nochmal ein Foto von mir machen. Aber die Umgebung stimmt nicht.
Auf dem Bahnhofplatz – das Taxi ist weitergefahren – durchfährt es mich: Habe ich nun den Pass auf dem Sitz liegenlassen? Ich hatte natürlich den Platz nochmal gemustert, aber es könnte ja sein?
In diesem Augenblick ist die heitere Gelassenheit wirklich weg. Ich knie auf den Boden, durchwühle meinen Rucksack, finde den Pass nicht. Wenn ich jetzt Christina per SMS melden müsste, dass der Pass eine Stunde nach der Ausstellung wieder verloren ist?
Aber nein! Ich weiss es! Er ist in der bunten indischen Geldtasche. Ja, da ist er! Grosse Erleichterung. Ich atme tief durch.

Es ist kurz vor halb Zwölf, und jetzt kommt noch ein Hammer. Genügend Zeit, um einen Fahrschein zu besorgen, denken wir Schweizer…Es gibt Automaten, aber ich weiss nicht, ob meine Maestro-Karte dort gilt. Vor den Schaltern zieht sich eine lange Schlange von vielleicht 35 Leuten hin…wird die Zeit reichen? Ich frage einen Herrn, ob ich mich in der richtigen Schlange befinde. Als er hört, dass ich den 12 Uhr-Zug nach Alicante erwischen will, reagiert er sehr skeptisch und verweist auf einen Zug um 16 Uhr. Wieder einmal: So ein Spass!
Die Schlange kommt erfreulich schnell vorwärts. Um 11.45 stehe ich vor dem Schalter, und was erklärt mir der Beamte? „Der Zug ist voll!“ Hahahahahaha! Ich glaube es nicht!
„Ach nein,“ erklärt er: „Es gibt noch einen einzigen Platz – und den bekommen Sie!“

Wenn das nicht das Universum war! Hahahahahaha!

Christina hat mir inzwischen gemailt, dass sie heute mit Andrea in Alicante sein wird, dass sie mich abholen, und dass Andrea uns dann zurück nach Altea bringen wird – immerhin ca. 45 km.

Ich schaue jetzt die ganze Zeit nach dem Pass und versichere mich, dass er noch da ist. Meine neuen schönen Hosen haben an den Beinen vorne grosse Taschen, die man mit einem Knopf verschliessen kann. Dort passt viel hinein, und das ist sicher. Mein neues Sicherheits-Dispositiv für Südamerika!

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Ein Kommentar zu “Pass mit dem Pass auf!

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