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Christina: Gestern haben wir uns gegenseitig gefragt: Was für eine Farbe ordnen wir Chile zu? Und beide sagten wir spontan: Gelb. (Gelb ist Rolandos Lieblingsfarbe.) Gelb ist das Warme, das Strahlende. Etwas Ähnliches beobachte ich häufig in den Gesichtern, und zwar nicht nur im Zusammenhang mit mir, sondern auch, wenn die Leute miteinander kommunizieren. Sie haben einen freundschaftlichen und lockeren Umgang mit viel körperlicher Berührung. Sie sagen dazu „con mucho piel“ (mit viel Haut). Das kommt ganz natürlich. Bei den Paarbeziehungen fällt mir auf, dass sie aufmerksam sind füreinander – besonders die Männer für die Frauen. Es ist ein freundschaftliches, behütendes, zärtliches Verhalten. Es tut gut, das zu sehen.
Dazu jeden Morgen der blaue Himmel, das ist phantastisch! Die Sonne geht auf, und wir sehen die Anden am Rande der Stadt; die nackten Felswände und die nackten Mauern von Santiago sind ein schöner Gegensatz zwischen den Bauten der Menschen und den Bauten der Natur.

Rolando: Und die Liebespärchen im Park…

Christina: So eine Anhäufung von Pärchen wie im Park Forestal im Zentrum von Santiago habe ich noch nie gesehen! Junge Pärchen bis zu Paaren im hohen Alter sitzen auf den Bänken, geniessen ihr Zusammensein, sind zärtlich miteinander, küssen sich. Wie wenn man im Märchen in einen Garten versetzt wird, in dem die Liebe zuhause ist.
Und dann der Sonntagsmarkt in diesem Park! Hunderte von Flohmarkt-Angeboten, am Boden ausgebreitete Kleider aller Art und vieles mehr. Das ist alles so frei und auch preiswert. Es gibt zahlreiche Künstler, Jongleure, Musiker, Hoola Hoop-TänzerInnen. Sie machen das einfach zum Spass, ohne Geld zu sammeln.
Ein Höhepunkt waren die Lieder des jungen Troubadours Angelo Escobar. Er war umringt von einer Schar von Fans, die alle wie er auf dem Boden sassen, vielleicht 100 Personen. Die Leute kannten seine Songs von Youtube oder von seinen CDs. Möglicherweise singt er dort jeden Sonntag, und das weiss man. Die meisten Leute klatschten und sangen mit. Das Ganze ist einfach und bescheiden, ohne Mikrofon. Man trifft sich, um zusammen zu sein und zu lauschen.
Einer seiner Songs heisst „Indios“ und handelt von den Eingeborenen, die vormals so stark waren und deren Stimme verstummt ist.
Die Hörer haben eine Beziehung zu diesen Texten und zu dieser Musik. Es ist ihre Musik, ihre Geschichte. Es sind Protest-Songs dabei, Lieder über die Elterngeneration, über Themen, die immer noch präsent sind.
Die Freiheit Chiles drückt sich für mich in diesen Liedern und diesen Zusammenkünften aus. Sie nehmen das Neue wirklich wahr und schätzen es.

Rolando: Wir haben erfahren, dass wir „Gringos“ sind. Nicht nur die Nordamerikaner sind Gringos, sondern alle Ausländer aus Nordamerika und Europa.

Christina: Aber nicht mit einer abschätzigen Bedeutung. Im Gegenteil: Wir sind anerkannt und beliebt, und das spüren wir jederzeit auf der Strasse oder in Gesprächen mit unseren Freunden. Von anderen südamerikanischen Ländern haben wir gehört, dass es dort eine Abneigung gegen Menschen aus den USA gibt. Aber wir sind diesen Spannungen auf der ganzen Reise nie begegnet. Wir sind in Chile willkommen, und das ist sehr, sehr schön. Offene Arme! Das könnte uns zu einer neuen Reise verführen!

Rolando: Was sagst du speziell zu Santiago? Es ist eine Riesenstadt, in der die Bevölkerung der Schweiz unterkäme, mit acht Millionen Menschen. Mir kommt es vor, dass wir nie so lang in einer so grossen Stadt waren (mit Ausnahme von Sydney).

Christina: Ich spüre es gar nicht so, weil es so viele Grünflächen und Parks gibt. Auch die Innenstadt ist nicht stressig; es ist gelassen und ruhig. Das Moderne und Schöne in den Läden gefällt mir. Es erinnert mich irgendwie an Bali. Hier ist es eine moderne Schönheit; in Bali ist es eine gepflegte, traditionelle Schönheit. Bali und Santiago passen für mich gut zusammen.
Die Stadt setzt mir nicht zu. Man sieht immer viel Himmel, alles ist so weit. Das ist für mich wichtig in einer Stadt.

Rolando: Und in der U-Bahn? Verglichen mit Berlin?

Christina (lacht): Das vergleichen wir lieber nicht. Es gibt in der Metro häufig Musikanten, junge Leute, die wunderbar aufspielen, mit Klarinette, Gitarre und Gesang. Das wird von den Passagieren wertgeschätzt, denn viele geben einen Beitrag. Die Musik trägt zur angenehmen Stimmung bei. Aber auch ohne Musik ist die Stimmung angenehm. Entweder schlafen die Leute, weil sie am Abend müde von der Arbeit sind, oder man unterhält sich miteinander. Mir fällt auch auf, dass ich als Person wahrgenommen werde. Ich werde sozusagen begrüsst, wenn ich in die Metro komme; man schaut mich an. Es entsteht leicht ein Gespräch. Die Chilenen wollen viel wissen, und das hat wiederum eine Ähnlichkeit mit Indien. Man ist interessiert an Europa, an unserem Leben.

Rolando: Und die Jungen erheben sich, wenn eine ältere Person hereinkommt.

Christina: Genau, das ist wunderbar. Sie stehen sehr schnell auf, man braucht nicht zu warten, und schon ist ein Platz frei.

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Ein Kommentar zu “Chile-Interview Christina

  1. Wir verbrachten eine wunderbare Zeit in Santiago, nun reisen wir noch Richtung Süden und Norden. Du hast das wunderbar beschrieben, danke!

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