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Chile ist ein sauberes Land. Santiago könnte auch Sydney sein, mit all den modernen Wolkenkratzern. Es macht einen reichen Eindruck, die Preise sind in etwa europäisch. Der Reichtum kommt hauptsächlich aus den Kupferminen, die offensichtlich im Überfluss vorhanden sind. Es gibt Minen in der Nähe von Santiago, aber vor allem auch im Norden, in der Gegend der Atacama-Wüste. Wer in den und für die Minen arbeitet, verdient reichlich.
Wir wohnen in einem guten Viertel, in La Reina. Hier fühle ich mich an die Villenviertel von Los Angeles erinnert: Breite Strassen mit viel Grün. Vor jedem Haus stehen meist zwei Autos.

In manchen englisch geprägten Ländern und Städten fühle ich mich nicht recht wohl, es ist mir ein wenig langweilig. Nicht so in Chile. Obwohl die Kultur aussieht wie in Nordamerika oder Australien, ist es doch ein anderer, warmer und phantasievoller Menschenschlag.

Vor allem war das spürbar auf dem Sonntagsmarkt im Park Forestal, den Christina schon beschrieben hat. Dort trifft sich das Hippievolk, die alternative und bunte Szene.

Man hat mir erzählt, dass die Chilenen kein sehr hohes Selbstwertgefühl haben. Sie „ziehen sich selbst runter“. Dies im Gegensatz zu den benachbarten Argentiniern, die von sich selbst überzeugt sind.
Viele Chilenen fühlen sich „am Rand der Welt“. Die Form ihres Landes ist ja nun wirklich eine Art Rand – jenseits der Anden, auf einem schmalen, sehr langen Streifen von vielen tausend Kilometern.
In den letzten Jahrzehnten hat Chile einen grossen wirtschaftlichen Aufschwung erlebt. Es geht dem Land wirtschaftlich gut in einem Mass, wie wir es schon lang nicht mehr wahrgenommen haben (auch im Vergleich zu Argentinien, das mit der Inflation kämpft und weitere wirtschaftliche und politische Probleme hat).
Chile ist ein gesundes Land. Das ist wohltuend nach all den Krisenmeldungen in Europa und Nordamerika der letzten Jahre.
Es gibt auch umstrittene Projekte. Die chilenischen Regierung will im Süden, im unberührten Patagonien, mehrere Staudämme zur Stromerzeugung bauen. Die Proteste haben dazu geführt, dass das Ganze nun noch einmal überprüft wird.

Man hat mir auch gesagt: Santiago ist Chile. Die Stadt ist sehr dominant, und die anderen Landesteile sind weit entfernt. Patagonien ist zum Teil unzugänglich, mit wilder Fjordlandschaft und Lehmstrassen.
Eine junge chilenische Freundin hat uns von einer zweimonatigen Reise durch den Süden berichtet. Sie war mit dem Zelt unterwegs, mit Autostopp. Sie berichtete, dass das Leben dort völlig anders sei, wie in einem fremden Land. Es gibt kaum kulturelle Verbindungen zwischen diesen weit entfernten Landesteilen. Ihre Berichte haben uns inspiriert, während eines weiteren Besuchs dorthin zu reisen.

Die Chilenen selbst besuchen in ihren Ferien lieber die Palmenstrände Brasiliens. Das ist für sie billig, und sie geniessen das Meer, das in Chile selbst nicht so einladend ist. Für viele bleiben die weiter entfernten Landesteile unbekannt.

Ich habe im Park Forestal so etwas wie eine Aufbruch-Stimmung gespürt. In meiner Hippie-Jugend besuchte ich im Jahr 1970 San Francisco. Im legendären Stadtviertel Height Ashbury gab es einen Park, in dem sich die Alternativen trafen. Dort hielt der Philosoph Steve Gaskin seine improvisierten Reden, die immer mehr Zuhörer gewannen. Er rief seine Fans zu einer Karawane durch die USA auf, die tausende von Menschen anzog. Diese Karawane der neuen Zeit wurde überall willkommen geheissen. Am Schluss liessen sich mehr als tausend Menschen in Tennessee zur alternativen Gemeinschaft „The Farm“ nieder, die heute noch besteht.
Ich könnte mir fast vorstellen, im Park Forestal narrosophische Reden zu halten :-). Hier hört man zu, hier hat man Zeit, hier ist man offen für Neues.

Man erzählt sich in den spirituellen Kreisen, dass sich die Chakren der Erde von Tibet nach Südamerika verlagern. Vielleicht haben wir das gespürt, und nicht nur in Chile. Es ist eine neue Welt, die Menschen haben erst angefangen mit dem Aufbau, mit einer Art Selbstfindung.

Als ich vor langer Zeit durch England per Autostop unterwegs war, sagte mir ein Autofahrer über England: An old dog doesn’t train well (Ein alter Hund lernt nicht gut). Vielleicht können wir über Europa sagen: Die Kulturen sind zwar alt und vielleicht ehrwürdig. Aber sie sind nicht im Aufbruch, sie sind nicht wirklich lernwillig, sie wollen das Alte bewahren.

In Südamerika spüren wir einen anderen, offenen und herzlichen Geist. Das beflügelt!

Chile ist das reichste südamerikanische Land, gemessen am Pro-Kopf-Einkommen. Die politische Vergangenheit war wechselhaft, die Spuren des Pinochet-Regimes wirken weiter. Die USA haben gegen den Sozialisten Allende für den Pinochet-Umsturz gewirkt und sein Regime unterstützt.
Das Land hat schon zu des Diktators Zeiten mit den westlichen Ländern wirtschaftlich zusammengearbeitet. Der grösste Handelspartner ist nach wie vor USA, aber die Chilenen haben nun auch mit China und Japan neue Verträge. Der Preis für Kupfer ist gestiegen. Die Ausfuhr beträgt mehr als die Hälfte des Exports.

Die Kooperation mit multinationalen Konzernen kann auch bedeuten, dass diese einen grösseren Einfluss auf das Land haben als die Chilenen selbst.

Das Land ist von der katholischen Kirche geprägt (ca. 90 % Katholiken). Die Ehescheidung wurde erst 2004 gesetzlich verankert. Aber auch in Chile verliert die Kirche an Einfluss.
Der „Machismus“ ist in Chile weniger stark als in anderen südamerikanischen Ländern. Die Männer zeigen grossen Respekt für die Frauen.

Die politischen Unregelmässigkeiten dauerten bis in die jüngste Vergangenheit. Von daher ist es erstaunlich, wie stabil das Land wirkt.

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