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Das Paradies und Absurdien in Anlehnung an Novalis

Schon Novalis (1772 – 1801) hat die Sehnsucht nach dem Paradies ausgedrückt. Mit „Paradies“ assoziiere ich auch das „Goldene Zeitalter“, welches bereits von den antiken Philosophen beschrieben worden ist. In der Antike ist damit eine vergangene Zeit gemeint; aber es wird, beispielsweise von Vergil, auch für die Zukunft ersehnt.

Ich interpretiere im folgenden ein Novalis-Gedichte in diesem Sinne. Hier ist es:

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren
Sind Schlüssel aller Kreaturen,
Wenn die, so singen oder küssen,
Mehr als die Tiefgelehrten wissen,
Wenn sich die Welt ins freie Leben
Und in die Welt wird zurück begeben,
Wenn dann sich wieder Licht und Schatten
Zu echter Klarheit werden gatten,
Und man in Märchen und Gedichten
Erkennt die wahren Weltgeschichten,
Dann fliegt vor einem geheimen Wort
Das ganze verkehrte Wesen fort.

Absurdien ist unsere moderne Welt, das ist klar. Es ist absurd, Kriege zu führen. Es ist absurd, dreimal um Entschuldigung zu fragen, wenn man sich was ausleihen will. Es ist absurd, übermässig ehrgeizig zu sein. Es ist absurd, nur ans Materielle zu glauben.
Im Paradies gibt’s so etwas nicht. Da findet das freie Leben statt, es gibt Märchen und Geschichten, und die Zahlen verlieren ihre Wichtigkeit. Es gibt keine Zweifel mehr, kein Suchen – und vor allem keine emotionale Kälte.

Die Sehnsucht nach dem Goldenen Zeitalter ist so alt wie die Mensch-heit. Gehen wir im einzelnen auf den inspirierenden Text von Novalis ein.

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren/ sind Schlüssel aller Kreaturen,

Diese Worte verdichten unseren jetzigen Bewusstseinsumschwung auf zwei Zeilen: Die Zeit der Zahlen und Figuren ist vorbei. Die Überzeugung, dass nur das Messbare real ist, hat ausgedient.
Die reinen Zahlen haben sicher ihre Berechtigung in der Welt der Wissenschaft und Technik. Sie bilden aber den Kosmos nur unvollständig – nämlich unbeseelt – ab. Ein unvollständiges Bild ist aber leider ein falsches Bild.
Wenn wir die Dimension des Menschlichen und des Göttlichen verstehen wollen, dann reichen Zahlen bei weitem nicht aus.
Wir sehen das daran, dass die moderne Medizin z.B. oft am Phänomen der Depression scheitert, denn Depression ist nicht messbar und quantifizierbar. Vielmehr entsteht eine Depression gerade aufgrund der kulturellen Leere und der Sinnlosigkeit des Materialismus, der sich auch in der modernen Medizin spiegelt. Da müssen andere Mittel her!

Wenn die, so singen oder küssen/ mehr als die Tiefgelehrten wissen.

Da haben wir schon die anderen Mittel: Singen und Küssen! Das ist das belebte, schwingende Paradies der Liebe, in dem es keine Scham, keine kalte Berechnung, sondern nur das intuitive Wissen der Liebenden gibt.
Denn die meisten Tiefgelehrten in unserer Kultur sind schon längst nicht mehr tief gelehrt, weil sie sich einzig den Zahlen verschrieben, weil sie den Kontakt zu ihrem inneren Singen und Küssen verloren haben.

Wenn sich die Welt ins freie Leben/ Und in die Welt wird zurück begeben.

Alles klar: Erst begibt sich die Welt ins freie Leben, das heisst die volle Befreiung findet statt – und dann begibt sie sich wieder verwandelt zurück in die Welt, und somit ist die ganze Welt verwandelt.

Wenn dann sich wieder Licht und Schatten/ Zu echter Klarheit werden gatten.

In Absurdien sind Licht und Schatten verkehrt geschaltet. Viele Menschen merken das nicht mehr, weil die verkehrten Licht/Schatten-Welten ihnen ihr ganzes Leben vorgegaukelt wurden.
Sie denken, das ist die Realität. Sie glauben z.B. an einen rein materiellen Urknall und wissen nicht, dass es ein Freudenknall war und noch weiterhin ist. Sie spüren die Freude nicht in sich – man hat sie ihnen mit zu viel Zahlen ausgetrieben. Aber es klärt sich nun alles!

Und man in Märchen und Gedichten/ Erkennt die wahren Weltgeschichten.

Die Poesie wird zur tragenden gesellschaftlichen Kraft. Das Geschichten-Erzählen verzaubert uns, und in dieser Verzauberung liegt Erlösung und Befreiung.

Dann fliegt, vor einem geheimen Wort/ das ganze verkehrte Wesen fort.

Absurdien – das “verkehrte Wesen” – fliegt in dem Moment fort, wenn wir das Singen und Küssen wieder lernen und die Zahlen nur noch dort ernst nehmen, wo sie wichtig sind. Der Clou dabei ist natürlich, dass wir nicht darauf warten müssen, bis sich die ganze Gesellschaft in ein Paradies verwandelt. Das wird sie natürlich bald tun. Aber wir brauchen nicht darauf zu warten.
Wir brauchen nur das geheime Wort zu sprechen, und schon sind wir in unserem eigenen Paradies, und dieses „goldene Zeitalter“ ist das Wichtigste.

Ich sehe in Thielle Möglichkeiten, Ansatzpunkte und Realitäten, die in diese Richtung weisen. Die Kultur der „Neuen Zeit“ ist ein Ausdruck der poetischen Visionen von Novalis; das verkehrte Wesen ist oft wie weggewischt. Singen und Küssen sind willkommen, und Zahlen und Figuren sind nicht mehr das einzig Reale. Wenn jeder von uns das geheime Wort für sich spricht, dann entsteht daraus eine Symphonie der spontanen Einheit und Inspiration.

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