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Lebens-Künstler, Visionäre und tanzende Figuren

Nach vier Jahren geniessen wir 2015 erstmals wieder Arambol in Goa: Das Mekka der Künstler, kulturell Kreativen, Aussteiger und Realitäts-Erfinder. Wie fühlen wir uns heute? Ist der Charme noch vorhanden? Gab es einen Niedergang? Lohnt sich ein Besuch?

Ausserordentlich an diesem kleinen Ort im Norden von Goa ist die Ansammlung von Künstlern. Auf Schritt und Tritt Musiker, Jongleure, Feuer-Künstler, Tänzerinnen, Maler. Dazu kommt ein grosses Angebot an Yoga, Meditation, Vorträgen, Tanz-Unterricht, Ayurveda-Heilung, Musik-Unterricht. All dies ist konzentriert in einem Dorf mit sehr bescheidener Infrastruktur. Es gibt keine grossen Hotels, keinen Club Med, kein Überangebot für Touristen. Manchmal ist der Ort überlastet, und die Abfallbeseitigung ist ein Problem. An den Wochenenden tummeln sich grosse Gruppen von indischen Touristen am Strand. Sie spielen Cricket, plantschen im Wasser, haben ihren Spass.

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Viele unabhängige Geister haben den Weg nach Arambol gefunden. Manche sind Künstler des Lebens, die ausserhalb des Mainstreams die Fülle geniessen. Diese Insider kommen jedes Jahr und  verbringen jeweils drei bis sechs Monate an ihrem Lieblings-Ort.
Viele von ihnen arbeiten hart: Sie betreiben eine Tanz-Schule, treten professionell als Musiker oder Künstler auf, organisieren den Karneval, moderieren Abende mit offenem Mikrofon oder engagieren sich auf andere Weise. Ich gebe ihnen den Ehrentitel „Arambol-Lebens-Künstler“.

Dieses Video zeigt die Tänzerin Jiva bei einer Aufführung. Möglicherweise nur für Facebook-User sichtbar…

Einer davon ist Nico. Wir lernten ihn vor fünf Jahren bei unserem ersten Aufenthalt kennen. Ich drehte damals einen Film über „Glückseligkeit in Arambol“, und Nico öffnete mir die Türen zu zahlreichen Freunden, die ich interviewen durfte. Ich besuchte Jiva und Ying im „Temple of Dance“, ich sprach mit dem Poeten und Philosophen Prana, ich lernte den indischen Philosophen und Ayurveda-Arzt Dr. Jolly kennen.
Nico ist Dichter, Rhythmiker und Animator. Vor kurzem hat er sein erstes Buch mit Gedichten herausgebracht: Die Haltung der Dankbarkeit. Er animiert seit vielen Jahren das Open Stage in Dylan’s Café und motiviert Anfänger und Fortgeschrittene, ihr Bestes zu geben. Gitarristen, Sänger, Dichter, Philosophen, Geiger und Schubert-Interpreten übergeben nach jeweils ca. 10 Minuten das Mikrofon an den nächsten Darsteller. Nico stellt die Leute vor. Manchmal bringt er Leute auf die Bühne, die noch nie zuvor aufgetreten sind.
Seit 14 Jahren verbringt der Mann aus Boston jeden Winter in seinem Om sweet Om – immer engagiert, immer visionär, immer leidenschaftlich.

Spontane Jam-Session in Dylans Café:

Das Publikum in Arambol lässt manchmal den Atem anhalten: Die längsten Rastas der Welt, wilde Kerle auf grossen Maschinen (Royal Enfield), weibliche Schönheiten aus aller Welt in phantasievollen Kostümen. Inder, Russen, Schweden, Deutsche, Amerikaner, Libanesen, Holländer, Thailänder, Schweizer und viele andere Nationalitäten tragen zur Buntheit des Ortes bei.
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Jeden Abend konzentriert sich an einer bestimmten Stelle das Strandes das Gewimmel von Leuten zur Sunset-Celebration. Das war vor fünf Jahren so, und es ist heute noch so. Ich schildere hier nur einen Aspekt der Feier: Den Sing-Kreis. Auf einigen klapprigen Liegen versammeln sich 20 bis 30 Leute zum Singen. Anbho aus Schweden verfügt über ein grosses Repertoire an Bajahns, Mantras und Sing-Along-Songs. Er ist das Zentrum des Kreises. Seit über zwei Monaten kommt er täglich und leitet die Gruppe ca. zwei Stunden lang. Weitere Instrumentalisten bereichern den Kreis: Eine Gitarre, ein Djembe, meine Irische Flöte, und Rhythmus-Instrumente. Zwischen den Strophen werden oft instrumentale Solos zum Besten gegeben. DSC08150

Häufig kommt auch Nico dazu mit seinen Rhythmus-Instrumenten. Er stellt sich in die Mitte und rezitiert einige seiner Gedichte zum Klang der Gitarren, Flöten und Trommeln. Kürzlich standen etwa 10 Inder im Dunkeln ausserhalb des Kreises, und er motivierte sie, auch zu tanzen und zu singen. Sie taten es! Der ganze Kreis und die Umstehenden gerieten ins Schwingen zu seinem Gedicht „Dies ist der Tag“.

Hier ist die erste Strophe:

Dies ist der Tag, den Staub abzuschütteln,
Dies ist der Tag, an dem du sagst, ich muss
Dies ist der Tag, von dem du geträumt hast,
Dies ist der Tag, an dem du ja zur Liebe sagst.

Nico berichtet in seinem Buch, dass er „dieses Gedicht auf der ganzen Welt mit dem Publikum singt“.

Das taten wir, und alle sangen aus voller Brust „Dies ist der Tag“; Nico ergänzte den Rest der Zeile. Wir glaubten es! Es war der Tag der Befreiung, und heute wiederholt dieser Tag! Glauben Sie mir!

Das Gedicht wurde gefühlte Wirklichkeit für diese Gruppe von etwa 35 Personen.
Wenn Sie diesen Text lesen: Singen sie, trommeln Sie, tanzen Sie, und vor allem: Leben sie!

Ich könnte ewig weiter erzählen von all den Musik-Abenden, Tanzvorführungen, vom speziellen Karneval, von den vielen unabhängigen Geistern. Von Ying, der Thailänderin, die den Temple of Dance leitet und jedes Jahr gigantische Vorführungen organisiert. Von Jiva, der russischen, anmutigen, leidenschaftlichen Tänzerin. Vom Trommel-Kreis bei Sonnenuntergang. Vom guten und billigen Essen. Vom Staub, vom Abfall, von suchenden Seelen. Von heissen Tagen und manchmal trübem Wasser. Vom Süsswasser-See und vom heiligen Hügel.

Unter dem Aspekt der Suche nach dem verlorenen Paradies ist Arambol ein Fund. Denn dort wird nicht gesucht, sondern gefunden. Es wird gefeiert. Die erhöhte Schwingung ist überall spürbar. Es ist ein Organismus, inspiriert von unten nach oben von den Arambol-Lebens-Künstlern. Kein Guru, keine Organisation, sondern spontanes Gestalten und Geben. Das macht Freude.

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So kann ich denn die Ausgangs-Fragen beantworten: Wir fühlen uns sehr wohl. Kein Niedergang. Der Charme ist vorhanden. Ein Besuch lohnt sich – für Lebens-Künstler.

Wer noch Lust hat auf weitere Texte – hier ist einer aus dem Jahr 2010

Video bei Sonnenuntergang mit dem Stelzen-Künstler:

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Einige Fotos, z.T. aus früheren Jahren:

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2 Kommentare zu “Lebendiges Arambol

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